1933-1945

Die Realschule Rüsselsheim und spätere Oberschule für Jungen (entgegen dem Namen konnten auch weiterhin Mädchen die Schule besuchen) erlebte unter der nationalsozialistischen Herrschaft einige räumliche Veränderungen.

Mitte 1933 wurde ein Anbau, in dem 6 Klassenräume Platz fanden, eingeweiht. Mit diesem Anbau enstanden auf dem Schulgelände außerdem ein kleiner Schulgarten und ein Fahrradständer, der seit Beginn des Schuljahres 33/34 genutzt wurde.

Bis 1934 besaß die Schule lediglich einen Sandplatz als Schulhof. Erst in den Sommerferien wurde dieser Sandplatz mit einem asphaltähnlichen Belag überzogen, um die starke und lästige Staubentwicklung, über die sich die Eltern der verschmutzten Schüler und die Lehrer gleichermaßen wiederholt beschwert hatten, zu verhindern.

"Oberschule für Jungen"

Am 12.5.1937 erklärte der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung die Realschule zur "Vollanstalt" und verlieh ihr den Namen "Oberschule für Jungen". Das bedeutete, dass man an dieser Schule von nun an das Reifezeugnis (Abitur), erwerben konnte. Es mussten also drei neue Jahrgangsstufen eingerichtet werden, sodass von der fünften bis zur dreizehnten Klasse und nicht wie bisher bis zur zehnten Klasse unterrichtet werden konnte. Da die Schulzeit in der damaligen Zeit aber "im Hinblick auf die erforderliche Zeit für Arbeits- und Militärdienst" um ein Jahr verkürzt wurde, musste die Schule nur um lediglich zwei Klassen erweitert werden. Dadurch konnte an der heutigen IKS Mitte des Jahres 1939 das erste Mal von zehn Schülern (neun Schüler und eine Schülerin) das Abitur (damals "Maturum", lat. maturus, reif) abgelegt werden.

Anfang des neuen Schuljahres 37/38 wurde das Hausmeisterzimmer zu einem Klassensaal umgebaut und einige Räume der Gewerbeschule, die direkt nebenan lag (Schulstraße 10), angemietet, um dem akuten Platzmangel, verursacht durch wachsende Schülerzahlen und Einrichtung der beiden Oberstufenklassen, Abhilfe zu schaffen.

Turnhallen-Neubau

Am 17.1.1938 wurde der von der Stadt Rüsselsheim finanzierte Turnhallenneubau der Oberschule für Jungen mit einem "schlichten" Festakt eingeweiht, bei dem die Schüler zu Beginn in "Reih und Glied in die mit dem Führerbildnis geschmückte Turnhalle einmarschierten". In seiner Rede bedankte sich Studiendirektor Lampas für die Turnhalle und meinte, dass sie "den neuzeitlichen Anforderungen in jeder Weise entspricht".

Ende des Jahres 1938 konnte der ständig schlimmer werdenden Platznot endlich ein vorläufiges Ende bereitet werden. Die Stadt Rüsselsheim kaufte das Gebäude der privat geführten Gewerbeschule auf und stellte es der benachbarten Oberschule für Jungen zur Verfügung. In den oberen Stockwerken wurden Zeichenräume und naturwissenschaftliche Säle eingerichtet. Außerdem wurden dort eine Schulbücherei und naturwissenschaftliche Sammlungen untergebracht. Diese Sammlungen waren "Schmuckstücke" der Schule und wurden jedes Jahr durch Stiftungen und Spenden zum Teil sogar von Lehrern und Schülern (zum Beispiel Muscheln oder ausgestopfte Tiere aus dem Urlaub) ergänzt. Sie waren qualitativ so hochwertig, dass sie im Sommer 1944 sogar zweimal das Ziel von Einbrüchen wurden, bei denen sich die Täter nachts mit Äxten Zugang verschafften. Bei diesen Vorfällen wurden auch die Räume des Heimatmuseums, das noch immer das Kellergeschoss des Gebäudes nutzte, verwüstet.

Gleichzeitig mit dem Gebäude wurde ein im Süden anliegender Platz gekauft, der von da an als Spiel- und Sportplatz von den Schülern der Oberschule genutzt wurde.

Mitte des Jahres 1939, vor dem Überfall auf Polen, waren auch in der Schule erste Anzeichen für den bevorstehenden Krieg erkennbar:

Die 1938 gebaute Turnhalle sowie drei Klassensäle wurden als Quartier für deutsche Soldaten benutzt und standen damit dem Unterricht nicht mehr zur Verfügung. Trotz dieser unangenehmen Einschränkung hatte dieser vorübergehende "Besuch" für die Schüler auch sein Gutes. Sie erfreuten sich an der "dampfenden Feldküche", bei der sich die Schüler jeden Mittag etwas zu essen holen durften. Außerdem wurde mit dem Einzug der Soldaten damit begonnen, die Fenster nach und nach mit schwarzen oder lichtundurchlässigen Vorhängen zu versehen und blau zu färben, damit das Licht nachts nicht durchscheinen konnte und man sie bei Gefahr (zum Beispiel drohende Luftangriffe) "verdunkeln" konnte. Zu guter Letzt wurde der Keller der Oberschule für Jungen zu einem vorschriftsmäßigen Luftschutzkeller umgebaut.

Kriegsjahre

Während der ersten Kriegsjahre nahm die Schülerzahl der Oberschule für Jungen weiter zu. Man versuchte mit dem zur Verfügung stehenden Platz auszukommen. Am 21.6.1944 jedoch beantragte die Schulleitung bei der Stadt einen neuen Klassenraum. Dieser Bitte kam die Stadt vorerst allerdings nicht nach.

Am 12.8.1944, in der "Bombennacht" von Rüsselsheim, kam auch die Oberschule für Jungen nicht ohne Schäden davon. Viele Fenster und Türen wurden zerstört, und auch das Dach wurde von den Explosionen beschädigt.

Während anderer Angriffe kamen die Schulgebäude nicht so glimpflich davon. Schließlich wurde sogar die neugebaute Turnhalle weitgehend zerstört.

Zu Beginn des Schuljahres 44/45, als die Frontlinien immer näher an Rüsselsheim heranrückten, wurden die Klassen zum Schutz der Kinder in andere Orte ausgelagert. Nur zwei Klassen besuchten weiterhin in Rüsselsheim die Schule. Da das Schulgebäude nach dieser Maßnahme fast vollständig leerstand, wurden bis auf etwa fünf Räume alle an die Adam - Opel AG vermietet. Bis Kriegsende nutzte die Adam - Opel AG diese auch.

Während der gesamten nationalsozialistischen Herrschaftszeit wurden alle Schulgebäude von der Schulleitung jederzeit für Aktivitäten der "Partei, Verbände und Vereine" zur Verfügung gestellt.

Nach dem Krieg wurde das Schulgebäude wieder für den normalen Schulunterricht benutzt.

Schulgeld oder Freistellen

Um die Realschule und spätere Oberschule für Jungen besuchen zu dürfen, mussten die Schüler in Mathematik und Deutsch mindestens die Note "gut" haben oder sich einer Aufnahmeprüfung unterziehen.

Wer auf die Schule aufgenommen wurde, musste ein monatliches Schulgeld von 21, später 22 RM (Reichsmark) bezahlen. Kam ein Schüler aus einer bedürftigen Familie und / oder war besonders begabt, so konnte er sich bei bestimmten Institutionen um eine Freistelle bewerben. Freistellen wurden zum Beispiel von der Sparkasse Groß-Gerau, der Oberschule für Jungen Rüsselsheim selbst, von der Stadtverwaltung Rüsselsheim, von diversen anderen Firmen und Ortsverwaltungen und vor allem von der Adam Opel AG, die die Schule auch sonst finanziell sehr stark unterstützte, vergeben. Eine Freistelle zu bekommen, bedeutete, dass der Schüler für ein Schuljahr das Schulgeld bezahlt bekam.

Nach Ablauf eines Jahres musste man sich allerdings erneut für eine Freistelle bewerben. Eine weitere Möglichkeit der finanziellen Förderung bestand bei begabten Schülern aus kinderreichen Familien darin, beim Schulfinanzamt eine sogenannte "Ausbildungsbeihilfe" zu beantragen.

Verbot für jüdische Schüler

Die Anzahl der Schüler, die die Lehranstalt damals besuchten, differierte in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft sehr stark. In etwa gleich bleibend war aber immer das Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen (ca. 3:1) und zwischen evangelischen und katholischen

Schülern (ca. 4:1). Jüdische Schüler besuchten die Realschule nur in den Schuljahren 33/34 (5 Schüler), 34/35 und 35/36 (jeweils ein Schüler). Diese Abnahme lässt sich durch mehrere mögliche Ursachen erklären: Zum einen dürften einige jüdische Familien schon recht früh nach Hitlers Machtergreifung aus Deutschland geflohen sein; zum anderen wurden die übrigen Juden aus Rüsselsheim in einem "Judenhaus" "gesammelt", das irgendwann vor dem Jahr 1939 geräumt wurde (die dort lebenden jüdischen Bürger wurden dann wahrscheinlich zunächst nach Mainz, später nach Osteuropa deportiert). Wesentlich später, im Schuljahr 42/43, trat schließlich ein Erlass in Kraft, der es verbot, jüdische Schüler weiter zu unterrichten oder in die Schule aufzunehmen. Obwohl bis zu diesem Zeitpunkt in der Theorie die Möglichkeit bestand, wurden seit dem Schuljahr 35/36 keine Schüler jüdischer Abstammung mehr verzeichnet.

Wechselnde Schülerzahlen

Die Anzahl der Schüler nahm zwischen 1933 und 1937 immer weiter ab. Von dem Zeitpunkt, als die Realschule aber zur Oberschule für Jungen erklärt wurde, stieg die Schülerzahl ständig an. Ab diesem Jahr kamen auch immer mehr Schüler aus anderen, weiter entfernten oder gar nicht in Hessen liegenden Orten in die Oberschule für Jungen. Nach einiger Zeit stammten ein ganzes Drittel nicht aus Rüsselsheim oder der näheren Umgebung. Auch in den ersten Kriegsjahren stieg die Zahl der Schüler am Anfang eines jeden Schuljahres weiter an. Aber ab dem Schuljahr 40/41 war die Zahl der Schüler am Ende des Jahres geringer als zu Beginn. Das lag daran, das ab diesem Jahr häufig Schüler ab der zehnten Klasse als Luftwaffen- oder Marinehelfer zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Erstmals Anfang des Jahres 1941 wurden 48 Schüler eingezogen. In der Mitte des Krieges wurde den Kriegsdienst leistenden Schülern gestattet zurückzukehren, sofern sie sich verpflichteten, nach dem Abitur ein Ingenieurstudium zu beginnen. In den späteren Kriegsjahren wurden die Schüler dann als vollwertige Soldaten angesehen und an der Front eingesetzt.Gegen Ende des Krieges wurde die Schule immer schlechter besucht, über das letzte Schuljahr des Krieges wurden keine Zahlen festgehalten, da es infolge der "Kinderlandverschickung" schwierig war, über die Schülerzahl genaue Angaben zu machen. Die "Kinderlandverschickung" war eine Maßnahme zum Schutz der Schüler, bei der die einzelnen Klassen der Schule an sichere, vom Krieg unbetroffene Orte verlegt wurden. Dabei wurden eine Klasse nach Nauheim und sechs Klassen nach Sprendlingen verlegt. Zwei Klassen gingen weiterhin in Rüsselsheim zur Schule. Die Schüler besuchten in den entsprechenden Orten aber nicht nur die Schule, sie wohnten auch dort. Nach Kriegsende waren sie auf sich gestellt und mussten selbständig und alleine den Weg nach Hause finden.Über die beiden in Rüsselsheim verbliebenen Klassen wird in einem Schreiben vom Oktober 1944 mitgeteilt, dass in diesem Jahr zu wenig Schüler auf der Schule sind, um eine Heilkräutersammlung durchzuführen. Außerdem geht daraus hervor, dass eine der beiden Klassen ständig auf dem Wirtschaftsamt tätig war und die meisten Schüler der anderen Klasse am Westwall eingesetzt waren.

Erstes Abitur

Das Abitur wurde im Jahre 1939 das erstemal von zehn Schülern abgelegt. In diesem Jahr waren die Fächer für die mündlichen und schriftlichen Abiturprüfungen noch festgelegt. Ab dem Folgeschuljahr war der Unterricht der Oberstufe in den naturwissenschaftlichen und sprachlichen Zweig aufgespalten. Dementsprechend änderten sich die Vorschriften für die Abiturprüfungen. Fest vorgeschrieben waren nur Deutsch und wahlweise Erdkunde oder Geschichte als schriftliche Prüfungsfächer. Individuell musste sich jeder zusätzlich mindestens zwei Prüfungsfächer aus seinem Unterrichtszweig auswählen. Nach den schriftlichen Prüfungen fanden für jeden außerdem noch zwei mündliche Prüfungen statt. Bestand man alle Prüfungen mit mindestens ausreichend, erhielt man das Reifezeugnis.

Seitdem die Reifeprüfung das erste Mal abgelegt wurde, nahm die Zahl der Abiturienten immer weiter zu. In der Mitte des Krieges ging die Zahl der Abiturienten jedoch wieder etwas zurück, da viele Schüler durch die Kriegswirren nicht in der Lage waren, ihre schulische Ausbildung zu beenden.

Zur damaligen Zeit machten grundsätzlich wesentlich mehr Jungen als Mädchen Abitur, was wohl an der früheren Rollenverteilung lag.

Die Lehrer der Realschule und späteren Oberschule für Jungen wechselten vor, hauptsächlich aber während des Krieges, sehr häufig. In der schlimmsten Zeit (43/44) waren zwei bis drei Lehrerwechsel pro Monat nichts Außergewöhnliches.

Am 25.4.1933, als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, wurde der damalige Leiter der Schule, Studiendirektor Lehmann, der seit 22 Jahren an der Schule tätig und seit 11 Jahren Rektor war, als Studienrat nach Heppenheim versetzt. Studiendirektor Gerhard, ein "bewährter nationalsozialistischer Kämpfer", trat kurz danach dessen Nachfolge an. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich 14 Lehrer an der Realschule Rüsselsheim. Nur drei von ihnen - Studienrat Sack, Studienrat Dr. Brauer und Studiendirektor Simon, der am 11.6.1936 den Doktor-Titel erhielt und nach dem Krieg Leiter der Schule wurde - blieben bis zum Ende des Krieges an der Schule.

"Feindliche Gesinnung"

Der erste Lehrer aus Rüsselsheim, der wegen seiner "feindlichen Gesinnung gegenüber dem Nationalsozialismus" Berufsverbot erhielt, war Lehrer Wagner. Zwischen 1934 und 1936 wurde schließlich dem ersten Lehrer der Realschule verboten zu unterrichten. Dem evangelischen Pfarrer Hofmann, der nebenberuflich an der Realschule Religion unterrichtete, wurde gekündigt, weil er nicht "die Gewähr biete, rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat einzutreten".

Am 22.8.1936 starb Studiendirektor Gerhard plötzlich und unerwartet. Erst im November des Jahres wurde Studienrat Lampas zum Direktor der Schule ernannt.

Nach seiner Ernennung zum Schulleiter führte Lampas die Umgestaltung der Schule in eine nationalsozialistische Erziehungsanstalt weiter fort. Seine erste Maßnahme war die Beurlaubung des katholischen Religionslehrers Pfarrer Jakob.

Kurze Zeit später, im Dezember des Jahres 1936, erhielt die Schule ein Schreiben, in dem die Lehrer aufgefordert wurden, anhand von Heiratsurkunden die "arische" Abstammung ihrer Ehefrauen zu beweisen. Es ist anzunehmen, dass die Lehrer selbst schon früher verpflichtet waren, ihre "arische" Herkunft zu belegen.

Zu Beginn des Krieges, im Schuljahr 39/40, unterrichteten 19 Lehrer an der Oberschule für Jungen. Von diesen wurden zum Ende des Schuljahres sechs Lehrer zum Kriegsdienst einberufen.

Von diesem Zeitpunkt an bis zum Ende des Krieges wurden immmer häufiger Lehrer in den Kriegsdienst einberufen. Sie mussten entweder als Soldaten an der Front kämpfen oder als Lehrer die als Luftwaffen- oder Marinehelfer eingezogenen Schüler unterrichten. Wenn keine Ausicht auf baldige Entlassung eines eingezogenen Lehrers bestand, so wurde er unter Umständen durch Lehrer anderer Schulen ersetzt. Durch diese ständigen Einberufungen, Entlassungen oder Versetzungen schwankte die Zahl der Lehrer zwischen 11 und 22. Diese ständigen Wechsel bedeuteten, dass oft mitten im Schuljahr, manchmal sogar in monatlichen Abständen, die Stundenpläne umgeschrieben werden mussten. In den letzten Kriegsjahren fand dadurch kein geregelter Unterricht mehr statt. In den schlimmsten Fällen wurden für einzelne Klassen ganze Fächer für ein Jahr gestrichen, um sie in anderen Klassen in ausreichendem Maße stattfinden zu lassen. Erst nach dem Krieg konnte an der Oberschule für Jungen Rüsselsheim wieder normal und regulär unterrichtet werden.

Pfarrer entlassen

Alle Lehrer der Realschule und späteren Oberschule für Jungen waren Mitglied im NS - Lehrerbund und oft auch sonst in Parteiorganisationen engagiert. Einige wenige Lehrer standen nicht auf der Seite des nationalsozialistischen Regimes. Schon zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaftszeit, insbesondere in den beiden Schuljahren 33/34 und 34/35 gab es für "normale" Zeiten außerordentlich viele Lehrerwechsel, die wahrscheinlich zum Ziel hatten, eben diese Lehrer "unschädlich" zu machen (zum Beispiel Studiendirektor Lehmann, der nach seiner Versetzung nur noch Studienrat war).

Die beiden Pfarrer Hofmann und Jakob unterrichteten evangelische und katholische Religion an der Realschule. Sie wurden beide noch vor Kriegsbeginn entlassen oder beurlaubt. Das lässt darauf schließen, dass sie den Religionsunterricht nicht in nationalsozialistischem Sinne abhielten, sondern die sozial - ethischen Aspekte der Religionslehre richtig und entgegengesetzt zum nationalsozialistischen Gedankengut vermittelten (zum Beispiel Gleichheit aller Menschen gegenüber der Rassenlehre).

Feierliche Flaggenhissung

Der Einfluss des Nationalsozialismus beschränkte sich aber nicht nur auf die Lehrer, sondern wirkte sich auch auf den Unterricht aus.

Die Ferien in der damaligen Zeit sind vergleichbar mit den heutigen. Das Schuljahr endete bis 1940 kurz vor den Osterferien, die, wenn sie überhaupt stattfanden, in der Regel ungefähr eine Woche dauerten. Die normalerweise vier Wochen langen Sommerferien lagen im Juli und August. Die Herbstferien Ende September und Anfang Oktober dauerten ebenfalls wie die Weihnachtsferien, die an Heilig Abend begannen, zwei Wochen. Außerdem gab es um Pfingsten einige freie Tage. Der Schuljahresbeginn lag von 1933 bis 1940 kurz vor oder nach Ostern (Ferien gab es an Ostern nur unregelmäßig). Vom Schuljahr 40/41 an wurde der Schulanfang jedoch auf einen Zeitpunkt kurz nach den Sommerferien verschoben. Zu diesem Zweck verlängerte man das Schuljahr 40/41 um ein Vierteljahr.

Die Schule wurde am ersten Schultag mit einer feierlichen Flaggenhissung und -ehrung auf dem Schulhof begonnen. Neben Reden von Schulleiter und/oder anderen Lehrern (1933 ging es in der Rede um das "Einigungsbestreben des deutschen Volkes in der Geschichte bis zur Gegenwart") wurde außerdem, wie an jedem Montag während der Schulzeit, ein Lied gesungen, ein Gedicht von einem Schüler vorgetragen oder gemeinsam gebetet. Die Gebete wurden nur selten selbst geschrieben. Meistens hielt man sich bei Gebeten ebenso wie bei den Liedern und Gedichten an Empfehlungen des Schulamts.

Nach diesem "Zeremoniell" begann die Schule. Ein Schultag hatte maximal neun Schulstunden. Eine Schulstunde dauerte 45 Minuten, und nach der sechsten Stunde hatten die Schüler eine dreiviertel Stunde Mittagspause.

Schriftliche Arbeiten

Der letzte Tag des Schuljahres bestand aus der Zeugnisausgabe und einer Versammlung, bei der die Flagge feierlich wieder eingeholt wurde.

Im Vergleich zum heutigen Unterricht gab es neben wesentlich längeren Schultagen noch einen anderen Unterschied. So wurden nicht nur in den wichtigsten Fächern wie Deutsch oder Mathematik fünf bis sieben Arbeiten geschrieben, sondern auch in Nebenfächern wie den drei Naturwissenschaften. Dabei war die Benotung ähnlich wie heute. Bis zum 20.10.1938 wurde jedoch nur mit vier Noten bewertet ("sehr gut", "gut", "genügend" und "nicht genügend"). Ab dann galten die Noten, die auch bei uns bis zur Oberstufe üblich sind. Die Ver-setzungskriterien waren den unseren ähnlich. Allerdings galt, dass man die Schule zu verlassen hatte, wenn man in der untersten Klasse der Schule einmal sitzenblieb und dass man nicht zur Oberstufe zugelassen wurde, wenn man überhaupt einmal in der Mittelstufe nicht versetzt wurde.

Die Unterrichtsfächer der damaligen Zeit sind vergleichbar mit unseren heutigen. Bis auf kleine Abweichungen hatten sie auch dieselben Namen.

Rassen-Ideologie

Schon bald nachdem die nationalsozialistische Diktatur begann, wurde auch in der Schule darauf hingearbeitet, die Schüler zu verblenden und für den Nationalsozialismus zu begeistern. Das wurde vorrangig durch den Unterricht bewirkt. Schon Ende des Jahres 1933 wurden die Lehrer, die sich gegen das "Terrorregime" stellten, systematisch aussortiert. Nur Lehrer, die die Schüler nationalsozialistisch erzogen, sollten unterrichten. Nicht allzu viel später ging es mit der Umgestaltung des Unterrichtsinhaltes weiter. Der Lehrplan wurde so abgeändert, dass nur noch die nationalsozialistische Ideologie vermittelt und anerzogen wurde. Alles, was sich in irgendeinerweise gegen die Diktatur oder eine ihrer Auswirkungen (Judenverfolgung, Krieg, etc. ...) wendete, wurde aus dem Lehrplan gestrichen.

Der Lehrplan in Biologie beinhaltete schon sehr früh nach Hitlers Machtübernahme das Thema "Rassenkunde". Bald wurde die Aussage der nationalsozialistischen Rassenideologie klarer und überdeutlich in der Einheit "Bauerntum und Rasse" gelehrt. Ein paar Jahre später, als die Isolierung und Ausgrenzung von jüdischen Deutschen immer weiter zunahm und der Schritt zum Beginn der systematischen Vernichtung der Juden nicht mehr weit war, wurde auch in der Schule dafür Propaganda gemacht, indem sich die Schüler mit Themen wie "Judenfrage" und "Kampf gegen das minderwertige Erbgut" beschäftigen mussten.

Auch in Geschichte bemühte man sich, die nationalsozialistische Politik und Vorgehensweise zu rechtfertigen. "Knechtschaft Deutschlands unter marxistischer Führung", "Freiheitskampf der NSDAP" und "Gigantisches und tragisches Ringen des deutschen Volkes gegen die Welt" sind nur einige Bereiche, die die Schüler überzeugen sollten, sich bedingungslos für die Machthaber und deren irrwitzige Ideen einzusetzen. Unterrichtseinheiten mit Titeln wie "Überlegenheit der nordischen Rasse bzw. des deutschen Volkes" zeigen, wie verfälscht den Schülern von damals Wissen vermittelt wurde, um sie für die Ziele der Diktatur zu gewinnen.

Im Fach Deutsch wurden diverse Lektüren aus dem Unterrichtsprogramm gestrichen, um zu verhindern, dass die Schüler mit "falschen" Idealen konfrontiert wurden. Statt dessen wurde die Behandlung von Hitlers "Mein Kampf" Pflicht. Außerdem wurde in niedrigeren Klassen mit Mitteln wie Sprechchören und ähnlichem Propaganda für Hitlers innerdeutsche Maßnahmen (wie zum Beispiel Judenverfolgung, Mobilmachung etc. ...) und seine aggressive Außenpolitik (zum Beispiel Einverleibung "Sudetendeutschlands", Einmarsch in Österreich und schließlich der Überfall auf Polen) gemacht.

Die Religionslehre mit ihren christlichen Idealen und Zielen stellte für die Nationalsozialisten in gewisser Hinsicht ein Problem dar, das sie teilweise lösten, indem sie verboten, das Alte Testament im Unterricht zu behandeln. Die mehr als fadenscheinige, geradezu lächerliche und anmaßende Erklärung dafür lautete, dass die Themen "dem Sittlichkeitsempfinden der germanischen Rasse" widersprächen.

Diese Unterrichtsinhalte wurden mit Hilfe von neu angeschafften Schulbüchern entsprechenden Inhalts vermittelt. Einige Titel dieser Bücher sind zum Beispiel "Nationalpolitische Erziehung" (Lehrerhandbuch), "Deutschland muß leben - Gesammelte Briefe" (Deutsch), "Rassenkunde des Deutschen Volkes" (Biologie), "Volk in Gefahr" (Geschichte), "Die Rasse im Schrifttum" (Deutsch), etc. Nach Kriegsende beinhalteten die Lehrpläne mit Beginn des Unterrichts wieder Themen ohne nationalistischen und rassistischen Gehalt.

Propaganda in der Schule

Außer dem normalen Unterricht fanden an der Schule während der nationalsozialistischen Herrschaft auch noch eine Reihe oft propagandistischer Sonderveranstaltungen im Verlauf aber auch außerhalb der regulären Schulzeit statt.

Es gab oft Diskussionsstunden, deren Themen in der Regel die Ideologie und das Gedankengut des Terrorregimes festigen sollten. So wurde zum Beispiel am 28.6.1933 über das "Friedensdiktat von Versailles", am 24.4.1934 über die "Notwendigkeit deutscher Kolonien" usw. diskutiert. Es gab sogar Stunden, in denen Vorträge gehalten wurden, zum Beispiel von Abgeordneten des Reichskolonialbundes über Deutsch - Südwestafrika oder von ehemaligen Soldaten über Kriegstaktiken.

Während des Unterrichts wurden häufig Radioübertragungen gehört. Dazu trafen sich oft mehrere Klassen in einem Saal, meistens den Zeichenräumen. Sendungen, die dann gemeinschaftlich verfolgt wurden, waren zum Beispiel Hitler- und Goebbelsreden, Ansprachen an die Hitlerjugend, Reden der Parteitage, die "Antwort Hitlers an Roosevelt" oder die Übertragung der Saarabstimmung (Entscheidung, ob das Saarland, das seit dem Ersten Weltkrieg entmilitarisierte Zone war, wieder besetzt werden sollte). Manchmal gab es nach diesen Sendungen sogar schulfrei.

Jeweils einzelne Klassen sahen sich regelmäßig Propagandafilme in der Schule oder im Kino an. Die Filme hatten Titel wie "Recht auf Kolonien", "Deutschland erwacht", "Feldzug in Polen", "Die Saar ist deutsch" oder "Sudetenland kehrt heim". Während des Krieges ließen die Kinobesuche nach, bis sie schließlich ganz aufhörten, was wohl an den zu dieser Zeit chaotischen Zuständen an der Schule lag. An die Stelle dieses Propagandamittels traten nun Zeitschriften wie "Heimat und Freund", "Hilf mit" oder "Der junge Heimatfreund", die ab und zu kostenlos von der Schulleitung an die Schüler verteilt wurden und durch diese Werbung auch von vielen regelmäßig bezogen wurden.

Die Schule organisierte jedes Jahr hauptsächlich für die Eltern einen "Bunten Abend" mit Musikvorführungen, Theaterstücken und diversen Reden. Ähnlich sahen die "deutschen Weihnachtsfeiern" aus. Eigens für diese Ereignisse wurden ein Schülerspielmannszug und ein Schülerorchester gegründet, die jedoch auch bei "eindrucksvollen" Feiern zu anderen damaligen Fest- und Feiertagen zur Unterhaltung beitrugen. Am 20. April zum Beispiel (Geburtstag Hitlers) wurde jedes Jahr ein Fest organisiert, bei dem die Schüler und ihre Eltern Ansprachen von verschiedenen Lehrern hörten. Das Programm wurde aufgelockert durch Darbietungen eines Chores und des Orchesters sowie durch Gedicht- oder Liedvorträge von Schülern. Am 50. Geburtstag Hitlers (20.4.1939) war sogar schulfrei - der Tag war ein gesetzlicher Feiertag.

Ausflüge und Freizeiten

Es gab zahlreiche Ausflüge und Freizeiten für die Schüler. Vor Beginn des Krieges wurden hauptsächlich Freizeiten veranstaltet, die zum Beispiel Schullandheimaufenthalte in Heppenheim, Wiesbaden, im Schwarzwald, in der Rhön, etc. oder auch mehrtägige Wanderungen waren. Jede dieser Freizeiten stand unter einem bestimmten "Motto". So fand zum Beispiel eine Woche "Wintersport im Taunus" statt. Ab Kriegsbeginn überwogen aber eintägige Ausflüge und Wanderungen, die zum Kriegsende hin ebenfalls immer seltener wurden. Solche Ausflüge fanden zum Beispiel am 21.5.1940 und am 7.5., 4.6. und 20.6. des Jahres 1941 statt und waren entweder Fahrten in den Taunus, Wanderungen in die direkte Umgebung oder Besuche im Heimatmuseum, in der Zuckerfabrik oder ähnlichen Einrichtungen. Neben den von der Schule organisierten Freizeiten und Ausflügen gab es auch noch solche, die von der HJ (Hitlerjugend) ausgingen. Darunter waren Führerschulungen, Zeltlager, Wehrertüchtigungslager, Fahrten in die Nordmark oder nach Hessen - Nassau und sogar Besuche des Reichsparteitages.

Die HJ und der BDM (Bund deutscher Mädel) ließen die Schule auch sportlich aktiv werden. Nach einigen Wettkämpfen und Jugendspielen gründeten sich zum Beispiel Fußball-, Handball- und Rudermannschaften an der Schule, die in jedem Jahr bei den Gebietswettkämpfen teilnahmen und immer recht erfolgreich abschnitten.

Was für die Schüler die Freizeiten und Ausflüge waren, das waren für die Lehrer die Seminare oder Parteiveranstaltungen. Regelmäßig wurden einzelne Lehrer für Lehrgänge an Schulen der SA oder für Unterrichtskurse (zum Beispiel "nationalpolitische Erziehung") beurlaubt. Sie nahmen außerdem oft an militärischen Übungen oder Wehrertüchtigungslagern teil. Zu Anlässen wie dem Reichsparteitag oder der Reichskolonialtagung entsandte das Lehrerkollegium ein bis zwei "Abgeordnete". Zur Gautagung des NS - Lehrerbundes fuhr jedes Mal das gesamte Lehrerkollegium. Manchmal wurden einzelne Lehrer auch für längere Zeit beurlaubt, zum Beispiel für Forschungszwecke (Dr. Graf), Studienaufenthalte (Dr. Simon - England) oder mehrjährige Auslandsaufenthalte an anderen Schulen (Studienassessor Lippert - Mexiko). Wenn wegen solcher Aktivitäten viele Lehrer gleichzeitig fehlten, fiel sogar der Schulunterricht manchmal aus.

Lindenblüten und Seidenraupen

Nur eingeschränkt unterrichtet wurde während der vor Kriegsbeginn verstärkt durchgeführten Schutzwochen. In den Wochen ab dem 19.9.1937 (Unfallverhütungswoche), dem 21.6.1938 (Luftschutzwoche) und dem 21.9.1939 (Feuerschutzwoche) übten die Schüler neben dem normalen Unterricht das Verhalten in gestellten Gefahrensituationen. Später wurde sogar eine Luftschutzbereitschaft mit verschiedenen Abteilungen aufgestellt, die regelmäßige Übungen durchführten, um im Ernstfall situationsspezifische Sofortmaßnahmen einleiten zu können. Jedoch wurde im Oktober 1943 bei einer Überprüfung festgestellt, dass diese Bereitschaft ihre Aufgaben nicht ausreichend erfüllt, so dass besagte Übungen in verstärktem Maße stattfinden sollten.

Jedes Jahr gab es verschiedene Sammlungen, um die "Rohstofflage des Staates" aufzubessern. Sie hingen von der jeweiligen Jahreszeit und Situation ab. Im Sommer der Vorkriegsjahre zum Beispiel wurden Heilkräutersammlungen durchgeführt, wobei besonders auf Kamillen- und Lindenblüten sowie auf Brombeer- und Himbeerblätter geachtet wurde. In den Kriegsjahren mussten die Schüler Altstoffe jeder Art sammeln. Dazu gehörten defekte Kleidung, Lumpen etc. Im Ergebnis der Altstoffsammlung des Schuljahres 40/41 steht: "384 kg Lumpen, 2462 kg Papier, 324 kg Knochen, 829 kg Eisen, 83 kg Buntmetalle". Jede dieser Sammlungen war als eine Art Wettbewerb gestaltet, wobei der Sieger wohl einen kleinen Gewinn bekam oder öffentlich geehrt wurde. Während des Krieges erhielt die Schulleitung öfter die Anweisung, dass in diesem Jahr unbedingt mehr oder sogar die doppelte Menge des Vorjahres zu sammeln sei. Die Sammlungen wurden konsequent bis Kriegsende veranstaltet.

Eine ganz besondere Ergänzung zu den Erlösen dieser Sammlungen stellte der von der Seidenraupenzucht erhaltene Kokon dar. Mit der Seidenraupenzucht an der Realschule wurde kurz vor dem Überfall auf Polen begonnen. Einer der Lehrer und eine Gruppe von Schülern kümmerten sich so gut darum, das man nach ungefähr zwei Jahren schon fünf Kilogramm Kokon erhielt. Ein Jahr später waren es sogar zwölf Kilogramm.

Neben diesen Sammlungen beteiligten sich die Schüler auch bei anderen Hilfsaktionen. Sie unterstützten zum Beispiel das Winterhilfswerk mit im Kunst-, Werk- oder Handarbeitsunterricht hergestellten Gegenständen und Geldspenden sowie das Jugendherbergswerk mit den Erlösen der "Bunten Abende" und der monatlich durchgeführten Pfennig- und Altmünzensammlungen.

Der Einfluss des Nationalsozialismus tritt in allen Belangen deutlich zu Tage. Unsere Schule ist in der damaligen Zeit völlig umgestaltet worden, um die Herrschaft Hitlers und seiner Schergen durch die nachfolgenden Generationen zu festigen und zu sichern. Die Schüler hatten gar keine Chance, frei zu denken, ihre eigene Persönlichkeit zu entfalten und eigene Meinungen und Ideale zu entwickeln. Waren sie noch nicht alt genug, um den Wahnsinn zu begreifen, mussten sie nationalsozialistisch denkende Menschen werden.

Auch heute noch hat die Schule entscheidenden Einfluss auf den jungen Menschen. In unserer Gesellschaft stellt die Nutzung dieses Einflusses zur Erziehung zu einem mündigen, kritischen und verantwortungsbewussten Menschen eine der wichtigsten Teilaufgaben der Schule dar. Gelingt es ihr, diese Aufgabe zu bewältigen, ist eine Ideologisierung damaliger Art nicht mehr möglich.

Quellenangaben

  • StAR XIV, XV
  • Msp., RüE von 1933 - 1939
  • "Die Geschichte der Schule in Rüsselsheim" von Wolfram Heitzenröder und Dietmar Schäfer
  • "Unsere Schule" - Jahresberichte der Schuljahre 33/34, 34/35, 36/37, 37/38, 38/39, 39/40 und 40/41
  • "Jubiläumsbuch zum 70. Geburtstag der Immanuel-Kant-Schule"