1954-1967

Nach dem Krieg ist ein wichtiges Ziel der amerikanischen Besatzungsmacht, den Schulbetrieb wieder aufzunehmen. Dieses Vorhaben wird vor allem durch die Direktive JCS 1067 bestimmt. Danach soll der Schulbetrieb schon zum 01.10.1945 wieder aufgenommen werden.

Da in der Direktive aber kein konkretes erzieherisches Konzept enthalten ist und Pläne zum Schulwesen fehlen, übernimmt man die bestehenden Schulformen und überläßt die Ausarbei-tung von Lehrplänen "unbelasteten" deutschen Lehrkräften. Wichtig ist dabei die Einhaltung der von den Amerikanern vorgeschriebenen Grundsätze zur Förderung und Entwicklung demokratischen Gedankenguts. Die Wiederaufnahme des Schulbetriebs ist vor allem auch insofern bedeutsam gewesen, als sich die umherstreunenden Kinder nicht ans Nichtstun und das Faustrecht gewöhnen sollten.

Ohne Fensterscheiben

Obwohl der Umfang der Vorgaben gering ist, gestaltet sich deren Umsetzung doch als äußerst schwierig. Die Aufgabe der amerikanischen Erziehungsoffiziere liegt in der Reparatur oder Zurückgabe der Schulgebäude, in der Bereitstellung und Auswahl von Lehrbüchern und in der Überprüfung von Lehrern. Die Lehrer hingegen müssen den zu Beginn täglich nur zweistündigen Unterricht improvisieren, da es am Nötigsten fehlt: Bänke, Tische, Tafeln, Schwämme, Kreide sowie Schreibzeug, Papier und Bücher sind nicht oder nur in unzureichendem Maße vorhanden. Weiterhin gibt es nicht genügend Lehrer. So stellt der kommissarische Leiter des Realgymnasiums Rüsselsheim am 29. 11. 1946 in einem Bericht an die Schulbehörde Groß-Gerau kurz und treffend fest:

  1. Zahl der Lehrer: 12.
  2. Zahl der Schüler: 540 (365 Jungen, 175 Mädchen).
  3. Schulsituation: Für die Zentralheizung gibt es keinen Koks. Nur wenige Säle können notdürftig mit Öfen beheizt werden. In allen Sälen und Gängen fehlen zahlreiche Fensterscheiben. Die Fensterrahmen schließen schlecht.Der Ernährungszustand der Kinder macht eine Schulspeisung dringend erforderlich. Es fehlen Schulhefte, Kreide, Reinigungsmittel.
  4. Personallage: Ich hoffe auf die baldige Wiedereinstellung entlassener Lehrkräfte nach den Spruchkammerverfahren.

(W. Heitzenröder/ D. Schäfer 1984, S.48 ff. aus Franz Skala: "Unsere Schulen - 1567-1989", S. 606)

Als Folge daraus müssen die Schüler im Winter Holz, Briketts oder Sägespäne mit in die Schule bringen, um die Klassensäle mit Öfen heizen zu können, deren Rohre aus den beschädigten Fenstern hängen. Der Unterricht selbst beschränkt sich anfangs auf die Vermittlung der beiden wichtigsten Kulturtechniken Deutsch und Rechnen. Der zu jener Zeit gültige Lehrplan sieht aber alleine drei Pflichtfremdsprachen vor, nämlich Englisch, Latein und Französisch.

Wiederaufbau

Noch im Jahre 1947 wird einem Antrag seitens des Bürgermeisters Ludwig Dörfler an den Regierungspräsidenten in Darmstadt zum Ausbau des Realgymnasiums zur Vollanstalt stattgegeben, was für den Schulträger Stadt Rüsselsheim dann auch Zuschüsse vom Land sowie Beiträge des Kreises bedeuten. Für die Schüler hat diese Entscheidung zur Folge, daß sie nach der 10. Klasse nicht mehr nach Mainz oder in andere benachbarte Städte zum Erlangen der Hochschulreife gehen müssen.

In den Jahren 1949/50 wird unter dem neuen Schulleiter, Dr. Julius Simon, der ab 08. 01. 1949 dieses Amt übernimmt, die im Krieg zerstörte Turnhalle in der Innenstadt erneut aufgebaut. Generell kann man sagen, dass Dr. J. Simon durch sein Engagement das Bild der Schule entscheidend geprägt hat. So führte er zum Beispiel den jährlich erscheinenden "Bericht über das Schuljahr" ein. Zum Sinn des Jahresberichts kann der Leser folgendes finden: "Nach einer zehnjährigen Pause wird der Öffentlichkeit wieder ein Jahresbericht vorgelegt. Er soll bei aller Kürze Kunde bringen von dem Leben und Treiben, vom Schaffen und Wirken in unserer Schule. Wenn der Leser den Eindruck gewinnt, dass alle Beteiligten, jung und alt, bemüht sind, den äußeren und inneren, den räumlichen und geistigen Ausbau der Schule voranzutreiben, dann ist der Zweck dieses Jahresberichts im wesentlichen erreicht."

("Realgymnasium Rüsselsheim - Bericht über das Schuljahr 1949/50", Punkt 1 (S. 1))

Der Wiederaufbau und die Erweiterung der Schule finden zwar langsam, aber kontinuierlich statt. Dabei hängt die Entwicklung der Schulen, in den folgenden Jahren bis zum heutigen Zeitpunkt, hauptsächlich von der hohen Gewerbesteuerkraft der Stadt ab. Weil die Firma Opel - begünstigt durch die Währungsreform 1948 und die Marshallplanhilfe - wohl den weitaus größten Anteil dazu beiträgt, ist sie als eigentlicher Motor für die Entwicklung der Stadt zu nennen. Der Magistrat der wachsenden Stadt war jedoch seit langem darauf bedacht, die alleinige Schulträgerschaft abzugeben, worum er sich auch im Bericht vom 13. 09. 1951 bemüht. Während der Regierungspräsident in Darmstadt diesen Antrag ablehnt, gibt er dem Ersuchen Dr. Julius Simons auf die Errichtung einer dritten 5. Klasse statt. Seinen Antrag begründet Dr. J. Simon mit dem großen Einzugsbereich des Gymnasiums. So hat das "Realgymnasium für Jungen", das von Anfang an auch weibliche Schüler besuchen, auch die umliegenden Gemeinden mit gymnasialem Unterricht zu versorgen.

Trend zum Gymnasium

Die Anzahl derer, die an der Aufnahmeprüfung zum Gymnasium teilnehmen, ist im Vergleich zur Vorkriegszeit stark gestiegen (1949: 239 Schüler). Zum einen muss Rüsselsheim Vertriebene aus den Ostgebieten aufnehmen, zum anderen erfährt die Gegend auf Grund des wirtschaftlichen Wachstums einen starken Zuzug, und es verbreitet sich zunehmend die Erkenntnis, dass eine gediegene Bildung ein unverlierbarer Besitz ist.

Die 1950 vorgenommene Einrichtung von Mittelschulen, als einen mittleren Bildungsweg, und die somit konsequenter vollzogene Aufteilung des Bildungswesens auf drei (Volksschule, Mittelschule und Gymnasium) anstatt der bisherigen zwei Bildungszweige trägt hingegen zur Verminderung der Anzahl von Schülern bei, die sich der Aufnahmeprüfung stellen (1954: 119 Schüler). Die vorgenommene Diversifizierung der Bildungsebenen und eine bessere Durchlässigkeit zwischen diesen Schulformen erhöht somit den Bildungsstandard des Realgymnasiums, da ein sofortiger Besuch der höheren Schule nach der Grundschule nicht mehr unbedingt als notwendig angesehen wird. Etwa zur gleichen Zeit wird ein Gesetz des Hessischen Landtages über die Unterrichts- und Lernmittelfreiheit verabschiedet (Februar 1949), das auch finanziell schwächer gestellten Familien ermöglicht, ihr Kind auf ein Gymnasium zu geben - eine Entscheidung, die ebenfalls zur Erhöhung des Bildungsniveaus beigetragen haben dürfte.

Trotz der neuen Schulformen setzt sich der Trend, das Gymnasium zu besuchen, fort, weshalb ein Erweiterungsbau des Realgymnasiums unabdingbar wird: Zur Behebung der Schulraumnot werden die getrennten Gebäude der ehemaligen Gewerbe- und Höheren Bürgerschule durch einen Zwischenbau verbunden (1953/54).

Schülermitverantwortung

Aber auch in der Verwaltung des Schulwesens haben sich Veränderungen ergeben. Im März 1950 konstituiert sich zum ersten Mal ein Elternbeirat an dieser Schule, der acht Jahre später gesetzliche Grundlagen erhalten sollte. Mit Beginn des Schuljahres 1949/50 nimmt auch die Schülermitverwaltung (S.M.V.) ihre Arbeit auf; sie erhält aber erst vier Jahre später, also im Jahr 1953, eine Verfassung. Wahrscheinlich im Jahr 1953 wird der Name in Schülermitverantwortung geändert, da dieser eher die eigentliche Aufgabe der S.M.V. widerspiegelt. In einer Stellungnahme "Vom Sinn und Zweck der SMV" heißt es u.a.: "[...] Die SMV ist ebensowenig ein Betriebsrat der Schule wie ein Organisationsinstitut, sie befehligt weder eine Rausschmeißer-Aufsicht noch eine Hof- und Flaschenverwaltung. Unsere SMV z.B. hat eine Laienspielgruppe, eine Puppenspiel-Arbeitsgemeinschaft, Sportmannschaften, verschiedene Ausschüsse, die Schülerbücherei und die Schülerzeitung. Sie verschickt zu Weihnachten Pakete, veranstaltet mit großer Begeisterung Fußballturniere und gesellige Abende. Das alles kann als äußeres Erkennungszeichen der SMV angesprochen werden. [...] Das Ziel der SMV ist die gute Zusammenarbeit und das gute Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern einerseits und zwischen den Schülern untereinander andererseits. [...]"

(Schülerzeitung der IKS "der rüssel", Nr. 21 (Nov. 1957), Hannelore J. Pistorius)

Die in der Stellungnahme schon erwähnte Schülerzeitung erscheint das erste Mal im Juli 1954 zum Preis von 15 Pfennigen. Die erste Ausgabe hat jedoch noch keinen Namen. Er wird mittels eines Preisausschreibens, bei dem der Hauptgewinn ein "Knaurs Lexikon" ist, ermittelt und schon für die zweite Ausgabe verwendet: "Rüssel - Schülerzeitung des Realgymnasiums Rüsselsheim".

Schülerzeitung "Rüssel"

Im Gegensatz zu heutigen Ausgaben hat sich die Schülerzeitung damals auch mit gesellschaftlichen und politischen Problemen auseinandergesetzt, hier ein Beispiel: "Mit Hosen Auffallen. Berlin. - Vor kurzem fand in der Berliner Tagespresse eine erregte Diskussion über das Thema: Dreiviertelhosen oder Shorts für Mädchen statt.

Die meisten Leser sprachen sich gegen diese verrückte Mode aus. Man war der Meinung, dass die Mädchen mit Hosen nur auffallen wollen. Die Schule sei ein Bildungs- und Erziehungsinstitut. Dies müsse schon in anständiger Kleidung zum Ausdruck kommen. ‘Übrigens,’ so schloss ein Leserbrief, ‘sind die Hosen bei der Jugend unter dem Namen ‘Idiotenhosen’ bekannt!’ - Suum ciuque!"

(Schülerzeitung des Realgymnasiums R. - ohne Name -, Nr. 1 (Juli 1954), "Infodienst")

In der zweiten Ausgabe der Schülerzeitung kann man unter der Rubrik "Leserbriefe" finden: "Ich möchte zu dem Artikel der letzten Schülerzeitung ‘Mit Hosen auffallen’, Stellung nehmen. Wir Mädchen, jedenfalls die meisten, tragen die Hosen nicht, um aufzufallen! Warum soll es uns vorenthalten sein, Hosen zu tragen? - Ich gebe zu, daß ein Mädchen im Rock meistens vorteilhafter aussieht. Aber trotzdem trage ich sie sehr gerne und fühle mich besonders auf dem Rad wohler dabei. Allerdings muß vorausgesetzt werden, daß man sie zur passenden Gelegenheit anzieht."

Hier die Antwort: "Die meisten Mädchen tragen wahrscheinlich die Hosen nur, weil man damit so schön auffällt. Daß die Hosen praktisch sind, kommt erst an zweiter Stelle. Wir Jungen haben uns schon daran gewöhnt, daß seit der Nachkriegszeit, seitdem Deutschland unter amerikanischem Einfluß steht, die Mädchen männlich wirken wollen. Zuerst rauchen sie und nun tragen sie auch noch Hosen. Was würden die Mädchen sagen, wenn wir Jungen in Röcken erscheinen würden? Sie würden bestimmt über uns lachen, wie wir über ihre Hosen lachen. - Deshalb laßt euch einen guten Rat geben und überlaßt den Jungen das Hosentragen!"

(Schülerzeitung des Realgymnasiums R. "der rüssel", Nr. 2 (Sept. 1954), Text 1: Elke Rössner, Text 2: A. v. St.)

1958 kann "der rüssel" aufgrund seiner engagierten Berichterstattung bei einem Wettbewerb hessischer Schülerzeitungen den zweiten Platz belegen. "Der rüssel" setzte sich u.a. mit Themen wie Wettrüsten, "Verständigung mit der Jugend Mitteldeutschlands (Gebiet der damaligen DDR)" auseinander, berichtete über "Jazz-eine neue Musikform aus den USA", die Wiederaufnahme des Linienverkehrs der Deutschen Lufthansa, die Aufgaben des T.H.W. und stellte zeitgenössische Schriftsteller und Dichter vor, um nur einige der zahlreichen Berichte und Artikel zu nennen.

"Immanuel-Kant-Schule"

Am 01. 04. 1956, also zum 60. Jahrestag, erhält die Schule nach dem Erlass des Hessischen Ministers für Erziehung und Volksbildung vom 02. 11. 1955 einen neuen Namen: Auf Vorschlag des Schulleiters Dr. Julius Simon wird sie nach dem Königsberger Philosophen und Erzieher Immanuel Kant benannt.

Die Zahl der Schüler ist von 1954, dem Jahr, in dem der Zwischenbau fertiggestellt wurde, bis 1957 zwar um etwa 40 auf insgesamt 728 Schülerinnen und Schüler gesunken. Trotzdem besteht eine Raumnot in dem Schulgebäude Innenstadt (heutige Grundschule), weshalb die Lehrer den Unterricht in Kellerräumen abhalten müssen. Zudem rechnet man damit, dass die Zahl der Schüler wieder steigen wird. Und mit dieser Annahme hatte der Magistrat recht, denn im Jahr 1961, dem Jahr als das neue Gymnasium eingeweiht wird, hat das Kant-Gymnasium 804 Schüler mit Bildung zu versorgen. Das neue Gymnasium, die Max-Planck-Schule, ist nach den zu der Zeit modernsten Gesichtspunkten von der Stadt Rüsselsheim auf dem Gelände des ehemaligen Sportplatzes an der Haßlocher Straße errichtet worden. Es soll die Anzahl der Schüler auf der Mutter-Schule in der Innenstadt wieder auf 500 reduzieren, weshalb sechs Klassen aus den Jahrgangsstufen fünf bis zehn sowie sechs Lehrkräfte der Kant-Schule an die neue Schule wechseln.

Trotz des Baus des zweiten Gymnasiums sind die Schulgebäude der Immanuel-Kant-Schule noch immer zu klein - 1962 besuchen 559 Schülerinnen und Schüler diese Bildungsanstalt. Aus diesem Grund wird in dem "Bericht über das Schuljahr 1962/63" u.a. die Raumnot angesprochen: "Im abgelaufenen Schuljahr wurden die erforderlichen kleinen Reparaturen am Schulgebäude vorgenommen.

Außerdem: Das Oberstudienrats-Zimmer wurde neu tapeziert. In der Turnhalle wurde der Umkleideraum neu geweißt und mit Kleiderhaken versehen und die Anlage für Brausebäder erneuert. Die Turnhalle erhielt einen neuen Bodenbelag und eine neue Beleuchtungsanlage.

5 Klassensäle wurden ebenfalls mit neuen Böden versehen.

Die Schule hat seit 1910 ihren räumlichen Ort in der Schulstraße (Nähe des Bahnhofs und des Opelwerks).

Da sie sich auch bei den gegenwärtigen schuli-schen Verhältnissen in Rüsselsheim als zugkräftig, lebens- und entwicklungsfähig erwiesen hat, verdient sie es, dass man sie raummäßig durch einen mehrstöckigen Anbau, in den gleichen schönen Zustand, dessen sich alle Rüsselsheimer Schulen dank des Lei-stungswillens der Stadt Rüsselsheim auf schulbaulichem Gebiet erfreuen dürfen, bringt. Möge man doch im Eifer für notwendige Neubauten die Schule, die seit 1896, also schon 67 Jahre besteht, in den Rahmen der baulichen Planungen aufnehmen!"

("Immanuel-Kant-Schule - Bericht über das Schuljahr 1962/63", Kap. B 12 c (S. 29))

Um 1964 schließlich stellt die Stadt fest, dass die Schule in der Innenstadt der Bausubstanz wegen nicht erweitert werden kann - der Magistrat beschließt daraufhin am 17. 12. 1965, im Baugebiet "Dicker Busch II" südlich der Sportplätze am Evreuxring ein neues Schulhaus zu bauen.

Quellenangaben

  • "Unsere Schulen - Geschichte der Schule im Gerauer Land", S.606 ff, Franz Skala
  • "Die Geschichte der Schulen in Rüsselsheim" Kap. V (S. 47 ff.), Dieter Schäfer
  • Verschiedene Ausgaben der Jahresberichte des Realgymnasiums R., bzw. der IKS