2016 - 120 Jahre IKS

Die Gründungsväter unserer Schule mit ihrer mittlerweile hundertzwanzigjährigen Geschichte würden bei einem Blick auf unsere Schule erfreut sein. "Das Kant" ist über diese Jahre zu einem Gymnasium geworden, das mit Stolz auf seine Traditionen baut, und dabei immer Gegenwart und Zukunft im Blick hat. Letzteres vor allem, um unseren Schüler*innen eine fundierte Ausbildung zu bieten, die ihnen möglichst offene Chancen für ihr künftiges Leben ermöglicht. Dazu gehört Unterricht, der fördert und fordert, ein positiver Umgang miteinander sowie schulische Angebote, die über den Unterricht hinausgehen und durch die eine "Schulkultur" entstehen konnte.

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Name als Programm und Verpflichtung

Die Kantschule trägt seit 60 Jahren den Namen des weltberühmten Philosophen.

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Erbe und Verpflichtung

Über Dr. Julius Simon, ehemaliger Schulleiter der Kantschule, † 1971

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"Immanuel Kant war sehr gesellig"

Zum 120-jährigen Bestehen der Immanuel-Kant-Schule diskutierte die Mainzer Kant-Forscherin Dr. Margit Ruffing mit dem Oberstufenjahrgang Q2 über den Namensgeber unserer Schule.

Ein Pedant sei er gewesen, ein Junggeselle auch, ein Eigenbrötler aber nicht. "Immanuel Kant war sehr gesellig", betonte die Wissenschaftlerin Dr. Margit Ruffing bei einer Podiumsdiskussion in der Immanuel-Kant-Schule (IKS) am vergangenen Dienstag. Oft habe der Philosoph Gäste zu Besuch gehabt, seinen Studenten habe er sich sehr gewidmet. Einem ganzen Oberstufenjahrgang brachte die Leiterin der Mainzer Kant-Forschungsstelle den Namensgeber der Immanuel-Kant-Schule nahe. Eingeleitet wurde die Veranstaltung mit einer Schülerpräsentation zu Kants Philosophie, anschließend diskutierte Ruffing mit Schülern und Lehrern. Die Veranstaltung fand im Rahmen des 120-jährigen Bestehens der IKS statt.

Von fünf bis 13 Uhr arbeitete Kant, wie Ruffing erläuterte. Für seine Mahlzeiten und für seinen Spaziergang hatte er feste Zeiten, am Nachmittag pflegte er Geselligkeit. Seinen Gästen reichte er durchaus auch ein Gläschen Wein. Gemeinschaft gehörte für ihn zum Menschsein dazu – in gesitteten Bahnen, wohlgemerkt. Auch wenn der Mensch Triebe habe, könne er sie als freies Wesen doch kanalisieren. "Zum Ehevertrag gehört für Kant, sich seine Geschlechtsorgane wechselweise zur Verfügung zu stellen", stellte Ruffing pointiert und völlig unromantisch fest.

Nach Kants Philosophie zu leben, sei sehr schwer, sagte eine Schülerin, die sich im Ethik-Kurs bereits ausführlich mit Kant und seinem kategorischen Imperativ beschäftigt hatte. Das räumte Ruffing bereitwillig ein. Sie betonte jedoch, Kant beabsichtige nicht, den Alltag regelnde Gebote aufzustellen. Es gehe ihm um Grundsätzlicheres – etwa darum, zu erklären, dass der Mensch überhaupt moralisch handeln könne. Er könne es, weil er ein freies Wesen sei.

Laut Kant könne allein der Mensch entscheiden, aus Pflicht gegen seine Neigungen zu handeln. "Das macht den Wert des Menschen aus, seine Würde", betonte Ruffing – und das mache ihn auch im Zeitalter der künstlichen Intelligenz noch zu etwas Besonderem. Unreflektiert Gebote zu befolgen sei dagegen kein Ausdruck von Moral. "Gezwungenes Beten macht niemanden besser", befand Kant laut Ruffing, nachdem er selbst als Jesuitenschüler habe zu bestimmten Zeiten beten müssen.

Ehemalige erinnern sich

In einer Talkrunde mit ehemaligen Schülern und Lehrern am 11. Februar 2016 haben sich frühere Kantianer an ihre Zeit an der IKS erinnert:

Im Keller des Schulhauses lagerten alte Säbel und Pickelhauben, im Nebenraum die ausrangierten Nazi-Bücher: Es ist unser Gymnasium, das Ernst Erich Metzner in den 50er Jahren besuchte. Vieles, was er darüber erzählt, klingt aber heute ziemlich fremd. Und Ungewöhnliches haben auch die anderen Ehemaligen zu berichten, die sich zum Austausch über ihre Schulzeit im Konferenzraum der IKS versammelt haben.

"Wir haben Lehrer gezwungen, mit uns Kafka zu lesen", erinnert sich Doris Metzner vom Abiturjahrgang 1960. Kafka wurde erst in den 50er Jahren populär – und eine ganze Reihe Lehrer griffen lieber auf altbekannte Autoren zurück, die sich bereits in der Nazi-Zeit oder davor einen Namen gemacht hatten. „Eine Aufarbeitung fand in den 50er Jahren fast nicht statt“, sagt auch die heutige Malerin Sigrid Roes. "Tiefbraun" sei ihr Geschichtslehrer gewesen. Kritische Auseinandersetzung? Fehlanzeige – außer bei Einzelnen, etwa einem Kriegsversehrten, der selbst seine Hand verloren hatte.

"Zu unserer Zeit gab es mehr verkorkste Lehrer, nicht charismatische Persönlichkeiten", stellt Ernst Erich Metzner fest. Entsprechend erinnert sich ein Ehemaliger an sehr unschöne Szenen: Einen Lehrer, der Kindern bei Wutanfällen den Atlas auf den Kopf gehauen oder Ranzen in den Papierkorb geworfen habe.

In den Sechziger Jahren kamen Lehrer einer neuen Generation an die Schule. Albrecht Schmidt, einer von ihnen, erinnert sich an politische Diskussionen zwischen Lehrern und Schülern, die über den Unterricht hinausgingen. Selbst zu Hause sei er einmal von drei Schülern besucht worden, die mit ihm diskutieren wollten. "Ein besonderer Geist" habe um 1968 an der Schule geherrscht, betont Wolfgang Schneider, der sein Abitur 1974 ablegte. Viele Fotos habe er aus der Zeit, von Fastnacht, von der Schülervertretung, von Redaktionssitzungen der damaligen Schülerzeitung "Rüssel". Lebendig schien das Schulleben nun, liberal, und unter den Lehrern habe es Persönlichkeiten gegeben, die die gesellschaftlichen Entwicklungen an die Schule holten. Dass damals alle Lehrer in Rüsselsheim oder der unmittelbaren Umgebung wohnten, erleichterte den Kontakt zu den Schülern - da waren die Ehemaligen sich einig.

Als die Immanuel-Kant-Schule 1967 aus der Innenstadt in die heutigen Gebäude zog, war Rüsselsheim finanzkräftig und die Schule profitierte davon: Für Naturwissenschaften erhielt sie eine "überluxuriöse Ausstattung", formulierte es die frühere Schülerin Sigrid Roes. In der Musik sei es genauso gewesen, sagte Albrecht Schmidt: "Paradiesische Zustände in der Ausstattung, man kann sie gar nicht genug loben." Als Beispiel nannte er einen Flügel, den die Schule erhielt - obwohl sie nur ein günstigeres Klavier gewünscht habe.

Eins ist die Schule offenbar immer gewesen: Vielfältig. Heimatvertriebene und Alteingesessene, Protestanten und Katholiken, Akademiker- und Arbeiterkinder, Rüsselsheimer und Kinder aus der Umgebung - die IKS war auch zur Zeit der Ehemaligen ein Ort, an dem Kinder aus ganz unterschiedlichen Familien gemeinsam lernten. Das ist bis heute so geblieben.

Ingrid Krämer