Schule damals - Schule heute

Protokollbuch

Eine Schule, die auf eine über 120-jährige Geschichte zurückblicken kann, verfügt über ein großes, ständig wachsendes Archiv. Beim Räumen von A nach B - um z. B. Platz zu schaffen - fällt einem dann so manches in die Hände. 

So geschehen, als ein Mitglied des Lehrerkollegiums uns mit Zitaten aus dem "Protokollbuch des Realgymnasiums Rüsselsheim - Main" erfreute, in dem alle Konferenzen, Allgemeine Konferenzen, Zensurenkonferenzen und Lehrerratssitzungen vom September 1949 bis zum März 1961 fein säuberlich mit der Hand (!) protokolliert sind. Unvorstellbar im Zeitalter von PC und Tintenkiller, denn diese Protokolle wurden meist schon während der Konferenz ins Buch geschrieben. Protokollanten waren immer Referendare oder Assessoren, also die in der Hierarchie am weitesten unten stehenden Mitglieder des Kollegiums.

Mangel wurde auch früher schon verwaltet, so liest man am 18. Dezember 1951:

"Über die Kohlenferien: Die Hessischen Höheren Schulen sind versorgt mit Kohlen mit Ausnahme von Frankfurt und Rüsselsheim. Für uns werden die Weihnachtsferien nicht verlängert." Also fand in Frankfurt und Rüsselsheim der Unterricht in nicht ausreichend geheizten Räumen statt.

Zur Elternarbeit findet man im September 1951 Folgendes:

"Über die Tätigkeit des Elternbeirates und die Einberufung von Elternversammlungen ergibt sich eine lebhafte Aussprache. Bei einer Rundfrage in UII (Untersekunda, heute  10. Klasse, d. Red.) waren nur die Eltern von 2 Schülern für eine solche Veranstaltung, 19 waren dagegen. Bei manchen Mitgliedern des Elternbeirates besteht die Neigung, einzelne Lehrkräfte zu kritisieren. Aber der Elternbeirat ist keine Aufsichtsbehörde, nicht alle seine Mitglieder sind sich der Grenzen bewusst, die ihm gezogen sind. Über den Elternbeirat und die -versammlung könnem wir auch die Schüler indirekt erzieherisch beeinflussen. Bei vielen Kindern fehlt heute die Kinderstube, auf die man im bürgerlichen Zeitlater noch Wert legte. Der Direktor verhandelt allein mit dem Elternbeirat, eine Zusmmenkunft des ganzen Kollegiums zur Aussprache mit dem Elternbeirat erscheint nicht ratsam. Wir alle sollten danach streben, mit allen Eltern in Frieden auszukommen und etwaige Spannungen und Mißverständnisse mit innerer Überlegenheit zu überwinden."

An die Kolleginnen und Kollegen waren die folgenden Empfehlungen (vom November 1951) gerichtet:

"Alle Kollegen sollen spätestens um 7.55 Uhr in der Schule sein, sofern sie um 8.00 Uhr Unterricht haben. Falls der aufsichtführende Lehrer fehlt, ist er haftbar für etwa vorkommende Unfälle. Alle Amtsgenossen haben dafür zu sorgen, daß die Schüler in den 10-Minuten-Pausen die Säle verlassen. Das unnötige Lärmen ist den Schülern durch geeignete erzieherische Belehrung nach Möglichkeit abzugewöhnen. Die Ordnung und Sauberkeit in den einzelnen Klassenräumen ist sehr unterschiedlich: einige sind sauber, andere sehen unordentlich aus. Papier gehört in den Papierkorb! Jeder Schüler ist für selbstverschuldete Schäden im Haus und am Schuleigentum verantwortlich und haftbar. In VI-2 (Sexta, heute Klasse 5) werden Briefe unangenehmen Inhalts ausgetauscht. Beim Umgang mit Eltern sollen die Kollegen Haltung bewahren. Klassenabende, bei denen die Schüler den Lehrern etwas stiften, sind unseres Amtes nicht würdig. Distanz gegenüber den Schülerinnen ist einzuhalten! Kollegen sollen nicht mit Mädchen unsrer Schule tanzen. Ein Lehrer darf eine Schülerin nicht berühren. ... Die Schüler sollen in der Pause oder Schulzeit möglichst nicht in die Stadt gehen (damals befand sich die Schule noch in der Innenstadt, d. Red.), um Hefte oder dgl. zu kaufen. Für Schulausflüge sollen besonders auch die Schüler der Unterklassen zu einem richtigen Verhalten erzogen werden. Schüler, die sich nicht fügen, sind rücksichtslos zu bestrafen. Das Ausflugsziel ist nicht bekanntzugeben, damit die Schüler nicht davonlaufen, sondern stets beim Klassenleiter zusammenbleiben."