Erbe und Verpflichtung

Dr. Julius Simon, ehemaliger Schulleiter der Kantschule, † 1971.

Es dürfte selten vorkommen, dass sich Schüler noch Jahrzehnte nach ihrem Abitur an ihren ehemaligen Schulleiter erinnern. An Dr. Julius Simon, der zwischen 1949 und 1967 Schulleiter der Immanuel-Kant-Schule war, denken seine ehemaligen Schüler bis heute mit Respekt und Zuneigung. So schlug ihn seine ehemalige Schülerin Waltraud Quick vor einigen Jahren für die Auszeichnung "Leuchtendes Vorbild" der Stadt Rüsselsheim vor. Die heute noch lebenden Ehemaligen der Kantschule, die ihn erleben durften, loben ihn einhellig als hervorragenden Pädagogen und als einen Menschen, der stets für seine Schüler da war: "der gütigste und nachsichtigste Lehrer, den ich hatte", schwärmt Klaus Dischinger, Abiturjahrgang 1952, heute noch.

Doch wer war Dr. Simon eigentlich? Wodurch hinterließ er im Gedächtnis seiner Mitmenschen derart tiefe Spuren? Geboren wurde er am 25. März 1902 in Unterschönmattenwag (heute zu Waldmichelbach). Nach dem Besuch des Lehrerseminars in Bensheim nahm er ein Universitätsstudium in Gießen auf. Hierzu erwarb er zuerst die Reifeprüfung am Realgymnasium in Gießen. Anschließend studierte er Deutsch, Englisch, Geschichte, Erdkunde, Philosophie und Pädagogik. Unterrichten durfte er Englisch, Deutsch und Philosophische Propädeutik, nachdem er 1931 in diesen Fächern die Prüfung für das Höhere Lehramt ablegte. Seine Lehrtätigkeit in Rüsselsheim begann er am 1. September 1933 an der "Realschule für Jungen" wie die heutige IKS damals hieß.

Falls es erlaubt ist, aus seinen Studienfächern auf den Menschen zu schließen, müssen wir uns Dr. Simon als eine Person vorstellen, die über ein breit gefächertes wissenschaftliches Interesse verfügte und nach Gemeinsamkeiten und Verbindendem suchte. Hierauf verweist bereits der Titel seiner im Fach Anglistik eingereichte Dissertation mit dem Titel "Ralph Waldo Emerson in Deutschland (1851-1932)". Sie wurde 1936 von der Universität Gießen angenommen und im darauffolgenden Jahr publiziert. Inwiefern diese Thematik eine bewusste Flucht vor ideologisch verfänglichen Themen zu eher politikfernen Bereichen darstellte, müssen künftige Biographen herausfinden. Anzunehmen ist auf jeden Fall, dass Simon zu jenen Lehrern der IKS gehörte, welche dem herrschenden Regime "kritisch und ablehnend" gegenüberstanden, wie sich Hans Herrlich, in den 1930er Jahren selbst IKS-Schüler, später erinnerte. Aus seiner Ablehnung des NS-Regimes scheint Dr. Simon kein großes Geheimnis gemacht zu machen, wofür die Bemerkung in einem Nachruf spricht, er sei zu Kriegszeiten "Anfeindungen" ausgesetzt gewesen. Laut Klaus Dischinger unterhielt er im Krieg sogar Verbindungen zum Widerstand.

Fest steht, dass Dr. Simon 1942 zum Studiendirektor ernannt wurde. Nach dem Krieg führte er seine Schule zuerst als kommissarischer Leiter, dann zwischen 1949 und 1967 als Schulleiter. In seine Amtszeit fällt die Fertigstellung des Verbindungsbaus am alten Schulgebäude (der heutigen Grundschule in der Innenstadt). Auch für den Bau der Max-Planck-Schule und den Neubau am Evreuxring 1966 setzte sich Dr. Simon ein, was er nicht zuletzt in den "Jahresberichten" seiner Schule dokumentierte. Diese Berichte spiegelten jeweils den Stand der Schulentwicklung und stellen für heutige Schulforscher eine unschätzbare Quelle dar. Denn sie beinhalten eine Reihe von wichtigen Informationen über den damaligen Unterrichtsstoff, die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft, den Einzugsbereich der Schule usw. Dr. Simon war es, der 1955 vorschlug, dem damaligen Realgymnasium den Namen Immanuel-Kant-Schule zu geben. Die Namenswahl nur auf seine Vorliebe für diesen Philosophen zurückzuführen, welche Liebe seine heute noch lebenden Schüler bezeugen, wäre sicherlich zu wenig. Vielmehr ging es darum, den Schülern ein Vorbild zu empfehlen, von dem sie das Hinterfragen von Autoritäten, eine universale Ethik und Selbstdenken lernen können. Angesichts der vielen Ostvertriebenen, die die Schule damals besuchten, bedeutete die Namenswahl auch einen Hinweis, dass eine verlorene Heimat keine entwertete Heimat war. Die Verbundenheit mit seinem eigenen Heimatort bekundete Dr. Simon durch einen Fotoband, der die Häuser und Inschriften Unterschönmattenwags dokumentierte. Doch forschte er in seiner Freizeit auch über die Straßennamen Rüsselsheims.

Es ist sein persönliches Interesse am Menschen, das Dr. Simon auch nach seinem Ausscheiden aus dem Schuldienst und nach seinem Ableben im Gedächtnis seiner Schüler bleiben ließen. Dabei begriff Dr. Simon den Menschen als lebendigen Teil einer Gemeinschaft, die dem Individuum den Anstoß für sein Leben gibt. Der Einzelne stehe aber auch in der Pflicht, das mit Hilfe der Gemeinschaft Erworbene dieser später wieder zurückzugeben: "Denkt daran, dass die Öffentlichkeit, die so viele Opfer für eure Schule bringt, von euch erwartet, dass ihr nach Kräften an eurer geistigen und charakterlichen Bildung arbeitet, um als Gegenleistung später in verantwortlichen Stellen der Gemeinschaft dienen zu können". So ermahnte Dr. Simon 1950 in seinem ersten Jahresbericht seine Schüler. An anderer Stelle verkündete er als sein pädagogisches Credo: "Die Arbeit im Dienste der Menschenbildung ist sehr schwierig, aber auch beglückend, wenn man über die notwendige innere Überzeugungskraft und Einsatzbereitschaft verfügt. Die Wirkung dieser Bemühungen erfolgt in der Stille; sie geht von Seele zu Seele in geheimnisvoller annehmender und zurückgebender Weise. Die Kraft und Schönheit dieser Beziehungen wird dort ihre schönste Entfaltung erleben, wo die menschlich-pädagogische Ausstrahlung zur inneren Begegnung mit Menschen führt." Diese Zeilen strahlen jene Wärme und Menschlichkeit aus, die das Wesen von Dr. Simon ausmachten.

Dr. Julius Simon verstarb, kaum 69 Jahre alt, am 10. März 1971. In seinem Geburtsort trägt heute ein Brunnen seinen Namen, was durchaus eine symbolische Bedeutung hat. Sein Wirken dient bis heute als Vorbild und Inspiration. Wenn die Immanuel-Kant-Schule dieses Jahr ihren 120. Geburtstag feiert, so weiß sie sich als Hüterin des Simonschen Erbes. Dieses Erbe anzunehmen, verpflichtet dazu, die Arbeit an der Menschenbildung als ganzheitliche Erziehung zu aufgeklärten und mündigen Bürgern aufzufassen. Diese Verpflichtung bedeutet auch, in einer sich rapide wandelnden Welt aktuelle Fragen mit zukunftsweisenden Antworten zu meistern, ohne dabei den Menschen aus dem Blick zu verlieren. Das Simonsche Erbe prägt damit den Geist der Immanuel-Kant-Schule noch heute.

Dr. Franz Horvath